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Jo´s Erster Geburtstag

 

 

Jo blickte vom Schreibtisch auf und sein Blick fiel auf den Kalender an der Wand. In großen, schwarzen Zahlen stand dort 25. Juli 1993.

Wie ein Blitz schoss es durch seinen Kopf, "noch 2 Monate und dann hast du wieder Geburtstag". Wieder einmal jährt sich dieser Tag! Wieder einmal ....

In ihm mischten sich die Gefühle von Schmerz, Angst und Traurigkeit und doch, unfassbar aber vorhanden, auch so etwas wie Freude.

Freude? Ja Freude! Er freute sich tatsächlich. Wäre es doch der erste Geburtstag in seinen 46 Jahren, den er auch feiern wollte. Zum ersten Mal in deinem Leben freust du dich auf diesen Tag - sehr zaghaft aber immerhin - dachte er bei sich. Zum ersten Mal freust du dich darauf den Gedenktag an deine Geburt zu feiern.

Jo merkte wie die Freude darauf in ihm hochstieg - wie er diesen 25. September 1993 herbeisehnte - zu ersten Mal im Leben feiern, dass er geboren wurde - bejahen, dass er lebt, dass er geboren wurde - damit einverstanden sein, dass es ihn gibt - akzeptieren, dass er existiert.

Gleichzeitig spürte er aber auch eine große Traurigkeit in sich aufsteigen. Seine Gedanken gingen weit zurück - zu seiner Kindheit.

"Kindergeburtstag" - morgens vor der Schule. Ein Tisch mit Kerzen - je eine Kerze für jedes Lebensjahr und eine große, dickere als Lebenslicht - ein Kuchen - liebevoll verpackte Geschenke - wenige - denn die Zeiten waren schlecht - aber mit Liebe ausgesucht und geschenkt - liebevolle Elternaugen - Lachen - freudige Stimmung im Raum.

Dann der Weg zur Schule - mit bleiernen Füßen - immer den gleichen Gedanken im Kopf -

Sie werden wieder fragen - wieder werden die Mitschüler fragen: " Na feierst Du wieder nicht?". Und wieder würde er sagen: "Nein - feiern finde ich doof!" - und in der Pause - in einer Ecke - versteckt und unsichtbar für die anderen - vor sich hin weinen. Alle Tränen der Verzweiflung aus seinem kleinen Kinderherzen herausschwemmend. So gern hätte er seine liebsten Mitschüler zu einer Geburtstagsfeier eingeladen und mit ihnen diesen Tag gefeiert.

Aber, dass ging ja nicht. Hatte Mutter nicht schon letztes Jahr gesagt, als er allen Mut zusammennahm und danach fragte, " Nein Jo, dass musst du verstehen , das geht nicht - dafür haben wir kein Geld und der Schmutz den die Kinder machen - und der Lärm - du weißt doch meine Kopfschmerzen und außerdem, was sollen die Leute denn von uns denken so einfach wie wir eingerichtet sind. Und........ und ....... - ja sie führte soviel Gründe dagegen auf, dass er sich gar nichts weiter dagegen zu sagen traute. Dabei hätte er doch so gerne seinen Geburtstag gefeiert.

Wem aber sollte er das erzählen? So sagte Jo nur immer auf die Fragen der anderen nach seiner Geburtstagsfeier - feiern ist doof - ich will ja gar nicht feiern - und wenn sie überhaupt nicht nachgaben trotzig .....und mit euch sowieso nicht.

Es klingelte zur Stunde - Jo trocknete sich die Tränen ab und ging in die Klasse. Du hast wohl geheult meinte jemand schnippisch. Wieder einmal hatte er das Gefühl ein Außenseiter zu sein. Und wieder würden auch die anderen ihn nicht zu Ihren Geburtstagsfeiern einladen und Mutter würde es ja sowieso verbieten - du kannst doch nicht zu den Feiern anderer gehen, wenn du selbst nicht......!

Eigentlich war es sein Geburtstag - eigentlich hatte er das Gefühl dies ist ein besonderer Tag - der Schimmer der Geburtstagskerzen flackerte noch in seinen Augen. Aber es war ein Tag wie jeder andere auch - nur noch viel trauriger. Wie immer blieb er nach der Schule in der Freiklasse und macht dort seine Schularbeiten - damit er zu Hause Mutter nicht störte. Anschließend ging er nach Hause um seinen Ranzen abzustellen. Und auch wie immer ging er danach in die Stadtbücherei um dort zu lesen und sich Bücher auszuleihen - wo sollte er schließlich auch anders hin - wer wollte ihn schon.

Herzlichen Glückwunsch - sagte der Bibliothekar - du hast heute Geburtstag Jo - herzlichen Glückwunsch. Er hatte ihn nicht vergessen. Ich habe ein ganz neu reingekommenes Buch da - extra für dich zurückgelegt. Er streichelte ihm über den Kopf - feierst du wieder nicht? - und wieder streichelte ihn die Hand.

Da saß er nun und las - vergaß Zeit und Raum und alle Geburtstage dieser und aller anderen Welten - auch den seinen.

Sie waren all die Jahre seine Geburtstagsgäste - am Anfang Jim Knopf, Lederstrumpf, Karl May und später Kästner, Roth, Brecht, Goethe, Shakespeare, und noch später Moliere, Maupassant, de Sade, Edgar AllanPoe, Tucholsky, Dostojewski - all die Menschen der schönen Worte, der Phantasie und der Träume.

Und irgendwann am Abend sagte eine Stimme: "Jo es ist Feierabend - wir schließen" - und leiser: "sei nicht zu traurig Jo". Danach die alltägliche Zeremonie - die Bücher einzutragen, die er entleihen wollte um sie mit nach Hause zu nehmen - um sie dort zu lesen - klingeln an der Haustür - anschließend auf dem Küchentisch sitzend weiter lesen - in einer Phantasiewelt verhaftet - weitab von der traurigen Realität - auf den Vater warten, der wie immer nach der zweiten Schicht - spät am Abend - gegen zehn Nachhause kam. Nun konnten sein Bruder und er endlich ins Bett gehen - während Vater sich um Mutters Migräne kümmerte.

Ein Tag der mit leuchtendem Kerzenschein und frohem Herzen begann und doch wie jeder Tag zu Ende ging. Kein besonderer Tag - eben ein Tag wie jeder andere - nur viel trauriger und noch einsamer. Ein Tag, den er so gern mit anderen Kindern gefeiert hätte. Aber Geburtstag - was ist das schon.

Jedes Jahr kam dieser Tag wieder - leuchtende Kerzen - Jedes Jahr eine mehr. Jedes Jahr noch ein bisschen mehr Außenseiter - jedes Jahr ein Stück einsamer. Zu wissen, dass andere feiern dürfen - zu erleben wie andere Geburtstagskinder Schulkameraden zu Geburtstagsfeiern einluden. Am Anfang auch noch ihn. Doch wie sagte Mutter so schön, als er ihr freudig erzählte - ich bin eingeladen - zu einer Geburtstagsfeier - dass geht doch nicht - wir können doch niemanden wieder einladen - und man lässt sich nicht einladen , wenn man diese Einladung nicht erwidern kann. So sagte Jo dann zum ersten Mal und später immer wieder - ich finde Geburtstagsfeiern doof - ich komme nicht.

Wer lässt sich auch schon gerne zu anderer Leute Geburtstagsfeier einladen, ohne auch zu seiner eigenen einladen zu können.

Ja dachte Jo so war es immer - und später, später als du erwachsen warst? Da hattest du es verlernt dich zu freuen - auf deinen Geburtstag, auf Geburtstagsfeiern - und überhaupt. Du hattest verlernt zu feiern. "Oh danke für die Geburtstagswünsche - ich hätte es doch fast vergessen, dass ich heute ja Geburtstag habe. Auf der Arbeit nahm er sich an diesem Tag oft frei um ja nicht durch die Kolleginnen an diesen Tag erinnert zu werden. Geburtstag ein abscheulicher Tag - voller Einsamkeit und Traurigkeit.

Und dann kamen die Jahre, wo das Kind von Jo seine ersten Geburtstage feierte.

Kerzenlicht - Kuchen - liebevoll bunt verpackte Geschenke - etwas mehr - es waren bessere Zeiten - freudige Elternaugen - Kinderbesuch - feiern und Fröhlichkeit - Ausgelassenheit - von den Eltern vorbereitete Geburtstagsfeiern - jedes Jahr eine andere Idee - es waren Feste !! Jedes Jahr wieder und jedes Jahr mehr! Den eigenen Geburtstag feiern und zu den Geburtsfeiern anderer eingeladen zu werden und mitzufeiern. Sich freuen geboren zu sein - da zu sein - geliebt zu werden - angenommen zu sein. Strahlende Kinderaugen, die mit den Geburtstagskerzen um die Wette leuchteten.

Bei Jo selber Neid und Schmerz über die verpassten Geburtstagsfreuden der Kindheit und auch die Freude mit zu erleben, dass es für das Kind alles ganz anders war.

Irgendwann eines Tages, als das Kind größer wurde dann die Frage "Papa warum feierst du eigentlich nie deinen Geburtstag." Was sollte er darauf antworten? Geburtstage sind doof? Bei den leuchtendenden, vor Freude erfüllten Kinderaugen?

Und recht hatte sie - warum eigentlich nicht! Das damals ist zu Ende - schemenhafte, unwirkliche Erinnerung - vorbei. Hier und heute - nur noch der warme Kerzenschein - nur noch Freude - lachen - fröhlich sein.

Und nun endlich ist es soweit - nun endlich wird er feiern - nach 46 Jahren zum ersten Mal und hoffentlich immer wieder.

Zum ersten mal Geburtstag feiern, nicht nur haben - bejahen geboren zu sein - zu leben - zu existieren - sich anzunehmen - zum ersten mal nach 46 Jahren. Noch 2 Monate bis zum 25. September - zum ersten mal freute er sich darauf - zum ersten mal feierte er sich.

Ob auch alle kommen, die er einlud? "Egal" ,dachte er, "ich freue mich auf alle die kommen und mit mir feiern werden - mit mir feiern geboren zu sein - da zu sein - wichtig zu sein.

Wie schön dachte Jo und blickte vom Kalender herab auf seinen Schreibtisch - wie schön.

 

Ausschnitt aus: "Und dennoch: Überlebt"

 

 

Dieter Svensson - 25.07.93         © beim  Verfasser   -  Abdruck nur mit Genehmigung

 

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Stand: 23. July 2003