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DIE GRÄFIN VON MONTE CHRISTO

 

Dieser neue Ufa-Film ist, gemessen am Niveau der Filmproduktion, ausgezeichnet. Er ist aber, auch für sich genommen, noch sehr erfreulich. Es geht also. Der große Erfolg rechtfertigt den Versuch. Unterstreichen wir ihn.

Eine Filmstatistin, die ein Minutenbild mit Pelzmantel und Auto zu spielen hat, reißt in diesem Pelzmantel und mit diesem Auto in die Wirklichkeit aus, auf den Semmering. Aber diese Wirklichkeit ist ein noch größerer Schwindel als der falsche Glanz des Films. Zwar singen die Blumenverkäuferinnen keine sentimentale Strophen, aber ein Baron ist ein Einbrecher, und Herr Rumowski, der Jeannette Heider liebt, ist ein Hochstapler.

 

Das wird in einem dramaturgisch geschickten Buch und in einem einwandfreien Dialog von Walter Reisch vorgetragen. Der Autor ist nicht wieder zu erkennen. "Die Gräfin von Monte Christo" ist einer der besten deutschen Tonfilme. Zum guten Manuskript kommt die gute Regie: Karl Hartl. Zuerst das Akustische: Dialog und Geräusche werden auseinander gehalten, Worte entfernen sich und kommen näher, abgewogener Wechsel zwischen Solo- und Ensembleszenen (die Ensembleszenen niemals zu laut); richtig eingesetzte und zurückhaltende Musik. Was ist Deutlichkeit im Tonfilm? Nicht nur sinngemäße Deutlichkeit des einzelnen Wortes und der Sätze, sondern auch akustische Logik. Das heißt: die Lautführung, der Tonfall müssen zum Zuhören zwingen.

Dann: die Bilder. Sie bleiben unauffällig, werden niemals Selbstzweck, ordnen sich dem Ablauf der Vorgänge unter, arbeiten niemals mit Tricks und photographischen Mätzchen. Schließlich: die Führung der Schauspieler. Sie ist ausgezeichnet. Machen wir die Probe an einem besonders vordringlichen Schauspieler, an Hans Junkermann, der fast immer auch im Tonfilm mit den chargierenden Drückern des alten Possentheaters arbeitet. Diesmal war er auf einen schlichteren, aber keineswegs unwirksamen Filmstil zurückgeführt. Denken wir an frühere Rollen von Brigitte Helm. Sonst krampfig und forciert, spielt Brigitte Helm die Filmstatistin als Gräfin von Monte Christo ohne falsche Mimik, ohne falsche Beweglichkeit. Warum? Sie weiß hier, wen sie spielen soll und in welchen Situationen. Sie beherrscht deshalb ihre Mittel. Sie bewegt sich ungezwungen. Es lag an den Regisseuren, wenn die Filmstars sich an eine wilde Spielastik auf Teufel komm heraus verloren.

Außerordentlich ist Rudolf Forster als Rumowski. Keine Nervosität mehr, keine Flatterigkeit, kein mondänes oder dämonisches Getue. Forster ist ein Männerdarsteller. Hier ist er ruhig, unheimlich ohne Absicht, kein leerer Blick, kein leerer Ton, nirgends eine falsche, hingelegte Satzpassage. jede Pause ist ausdrucksvoll, jeder kleine Nebenbeisatz ist gestaltet. Eine ungewöhnliche, faszinierende Leistung. Forster gehört in die erste Reihe der deutschen Tonfilmdarsteller.

Als sein Gegenspieler verblüfft Gustaf Gründgens. Er wiederholt den Hochstaplertyp Rumowski auf einem unbedenklicheren Niveau. Sein Baron: ein Hoteldieb ohne Hemmung, frech, witzig, hinterhältig, eisig - außerordentlich. Neben Forster und Gründgens: Theo Lingen als Kellner, Oskar Sima als "Spitzkopf", der die Statisten in der Filmbörse engagiert, Mathias Wieman als Journalist, in dessen Arme Jeannette zurückkehrt, Ernst Dumcke als Regisseur, Max Gülstorff, Karl Etlinger, Ludwig Stössel, Victor Franz - ein ausgezeichnetes Ensemble.

Ein Fall für sich ist Lucie Englisch. Sie ist (auch als falsche Zofe der falschen Gräfin) sehr publikumswirksam. Ihr Spiel ist, auch da, wo der Film für Minuten in eine Englisch-Posse abzugleiten droht, die notwendige Konzession an das breitere Publikum. Für diese Konzession spielt Lucie Englisch noch sehr diskret. Sie wird gut geführt. Auch ihre Leistung spricht für den Regisseur. Aber in ihrem Tonfall liegen auch alle Gefahren des falschen Gemütshumors vorbereitet (dessen äußerste Abart Hansi Niese vertritt).

"Die Gräfin von Monte Christo" - der beste Ufa-Film der letzten Zeit. Das Publikum war begeistert. Hier liegt der Weg. Ein Publikumsfilm und doch keine Geschmacklosigkeit. Ein Anfang. Man setze ihn fort.

Herbert Ihering - 23. April 1932

entnommen aus: Von Reinhardt bis Brecht - 1930-1932 - Band 3 - Herbert Ihering - Berlin: Aufbau, 1961

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Stand: 28. April 2000