zurück zur Literatur Wieman

 

 Der Mensch im Film

Vor einiger Zeit machte in einer Reihe von Ländern ein Buch großes Aufsehen. Es trug den Titel "Der Mensch, das unbekannte Wesen". Ich glaube, die Neugier, vielleicht doch etwas von diesem unbekannten Wesen, dem Menschen, zu erfahren, ist einer der Gründe, warum sich Menschen für zwei Stunden in einen dunklen Raum setzen und dem beweglichen Schatten auf einer Leinwand zuschauen.

Neugier und jenes allen Menschen bekannte Gefühl, ihr Leben sei ganz anders geworden, als sie es einmal geträumt hatten. Wir alle haben unerfüllte Wünsche und Sehnsucht, sie erfüllt zu sehen, wir alle fühlen meist das Leben in uns nur wie Erz in Schlackengestein, als dünne Adern; wir haben Sehnsucht nach einer Welt, wo dieses Erz rein und ungemischt und dicht ist - und wenn wir auch immer wieder herzhaft versuchen, unseren Zielen in der Wirklichkeit einen Schritt näher zu kommen - manchmal trösten wir uns alle gern mit dem uralten Trost, der darin besteht, sich von jener erträumten Welt, in der unsere Wünsche erfüllt werden, ein Bild zu machen.

Der Film ist das jüngste und das in die größte Breite wirkende Mittel, diese Welt der Wunschbilder zu beschwören. Vor wenig mehr als einem Menschenalter wurde die Kinematographie erfunden. Ihre enorme Wirkungsmöglichkeit wurde von ein paar Kaufleuten entdeckt, diese Kaufleute entdeckten auch die einfachen Gesetze, wie diese Wirkungen zu berechnen seien; sie sahen, das der Mensch sich oft langweilt, sich oft über die Grenzen seines Lebens hinauswünscht, und sie entdeckten die einfachen Urformen dessen, was dieser Mensch so gerne sieht, das ihm der Preis einer Eintrittskarte nicht zu hoch ist.

Solche Urformen sind z. B.: das Paar, das sich zum guten Schluss vereinigt, die verfolgte Unschuld des weiblichen Geschlechts, der bestrafte Schurke, seltsamerweise das teuflische Weib, welches ehrbare Männer in Unglück und Selbstmord treibt, der arme junge Mann, der durch Glück und Tüchtigkeit jäh zum Reichtum kommt, der Dumme, der die Maulschellen kriegt.

René Fülöp-Miller hat diese Urformen und die einfachen Gesetze, nach denen jene ersten Filmgründer ihre Erfolge berechneten, genauer beschrieben und geistreicher aufgezeigt, als ich es jemals könnte. Ich will nur sagen, das diese primitiven Gesetze immer noch genau so in Kraft sind, wie die Namen ihrer Entdecker nichts an Macht verloren haben.

Die ersten Gründer des Films waren Kaufleute - nicht Künstler, und ich glaube, das dies der Grund ist, warum das Wunschbild einen so festen Stand hat im Kampf gegen das, von dem ich reden will, das Menschenbild.

Das Wunschbild ist das Erzeugnis einer Spekulation über die im Leben unerfüllten Wünsche. Es lässt sich berechnen, seine Wirkung lässt sich statistisch erfassen, es lässt sich fabrizieren wie ein Auto; es ist der Baustein der "Filmwirtschaft", und mit diesen Bausteinen ist die große Insel errichtet worden, auf der die nach der Presse wohl stärkste Großmacht über die Herzen ihren Sitz hat.

Die Geschichte des Films ist die Geschichte der Angriffe, in denen die Künstler diese Insel zu erobern suchen, getrieben von ihrer Idee, man müsse im Film das Menschenbild seiner Zeit formen.

Wir erinnern, uns an zwei solcher großen Offensiven. Die erste rollte kurz vor dem Weltkrieg vom, Norden her an und errichtete in Deutschland ihre feste Burg. Die Namen: Waldemar Psyland, Asta Nielsen und Paul Wegener sind mit ihr in die Geschichte des Films eingegangen. Die zweite Offensive ging bald nach dem Krieg von Deutschland aus. Tief in den Urgrund rauschend, suchte sie in Märchen, Sage und Historie - man möchte fast sagen - das ewige Antlitz des Deutschen zu beschwören. "Der müde Tod", "Nibelungen", "Faust" und Czerepys Friedericuswerke sind ein paar Stationen dieses Siegeszuges. Denn diese Angriffe haben-, gesiegt, die Künstler haben die Insel des Films erobert, sie wurden nicht abgewiesen und abgeschlagen; nein, sie regierten nach ihren Gesetzen - aber nach kurzer Zeit, nach kaum drei Jahren, waren die Eroberer aufgesogen, eingeschmolzen, und von ihrem Glauben an das Menschenbild blieben nur noch die leeren Riten übrig, und verehrt wurde wieder das alte Idol, das Wunschbild.

Ich glaube nun, das gerade heute die rechte Zeit ist, von jener Fahne zu reden, die zweien solcher Eroberungszüge vorangeweht ist, vom Menschenbild. Es wird geboren aus dem Drang, das "unbekannte Wesen" zu erforschen und das Entdeckte aufzuzeichnen, wahrheitsgetreu wie ein Zeuge, der unter dem Ei d steht, die reine Wahrheit sagen zu wollen, ohne etwas zu verschweigen und ohne hinzuzusetzen. Ein Zeugnis, abgelegt ohne Rücksicht ob es schön ist, ob es gefallen wird, ob es in den Rahmen des bisher Erfolgreichen hineinpasst, sondern nichts sein wollend als richtig und wahr.

Solches zu wollen ist ein Wagnis, das unter hundert missglückten Malen vielleicht dreimal gelingt. Niemals - die Gerechtigkeit gebietet es festzustellen - hätte man mit solchen Wagnissen eine "Filmwirtschaft" errichten können. Aber die Gerechtigkeit gebietet auch festzustellen, das jedes mal, wenn eine solche Darstellung von Welt und Mensch geglückt ist, in der Geschichte des Films ein neues Zeitalter anbrach. - Die letzte Epoche ist um das Jahr 1920 angebrochen, nicht bei der Einführung des Tonfilms. Auch die Entdeckung des Schnittes durch die Russen Pudowkin und Eisenstein - Montage, wie sie es nannten - , die Entdeckung, das der rhythmische Bildwechsel gewissermaßen das Versmaß der filmischen Erzählung ist und, richtig angewandt, ein fast magisches Suggestivmittel, im Zuschauer ohne sein Wissen den beabsichtigten Erregungszustand erzeugt - selbst diese große und wichtige Entdeckung, sie hat Schule machen können, aber keine Epoche, weil sie eine unorganische, mathematische Entdeckung war, ohne Verbindung mit Menschlichem - eine Maltechnik und kein Selbstbildnis.

Die Zeit schreit nach ihrem Bilde, und die gewandelte Zeit schreit nach ihrem neuen Bilde. In den Schaufenstern liegen Bücher "Umsturz im Weltbild der Physik" und belehren uns über die ungeheuerlichen Thesen, das all das, was wir Holz, Stein, Menschenleib nennen und aus Zellen, Molekülen und Atomen aufgebaut dachten, das all diese Körper und Stoffe Energie sind, elektrische Energie, die in tausendfach unterschiedenen Takten, Kreisen, Rhythmen schwingt. Das Weltbild der Physik hat sich gewandelt, das Weltbild der Geschichte hat sich gewandelt - aber lassen Sie mich lieber einfältig von dem aus reden, wovon ich etwas verstehe, von meinem Beruf aus und von meiner Generation: Als Schauspieler muss ich sagen, das Bild, das wir vom Menschen machen, hat sich noch nicht gewandelt, und als Mann, der 1902 geboren wurde, kann ich vielleicht sagen, wie das kommt.

Als der Weltkrieg begann, waren wir zwölf Jahre, als er aufhörte, waren wir sechzehn. Ein Teil unseres erwachenden Bewusstseins reicht noch in den Frieden hinein und in den Krieg. An die Front, in die große Schmiede, wo der neue Mensch unseres Jahrhunderts geschmiedet wurde, sind wir wohl als der letzte Jahrgang nicht mehr gekommen. So haben wir in das weiche, wachsende und törichte Bewusstsein unverlöschlich alle Eindrücke, alle Einzelheiten aufgenommen die uns das Auge, die Erzählung, das Gerücht zutrug, und dumpf, töricht und aufmerksam haben wir alles notiert, um es nicht zu vergessen. Unverwandelt durch den gewaltigen Werdeprozess des Kampfes haben wir lange Jahre es nicht zu deuten gewusst - als zehn Jahre nach Kriegsende die Dichtung ihre Stimme erhob, da haben wir alles, aber auch alles gelesen, um uns vorstellen zu können, wie es war; und bei Ernst Jünger haben wir mehr vom Menschen gelernt als in allen Jahren der Schule und der Universität.

Nun, Ende Dreißig, sind wir vielleicht fähig zwischen Frontgeneration und Jugend Zeugnis abzulegen von der großen Veränderung, die von 1914 bis heute das Angesicht der Welt und das Angesicht des Menschen gewandelt hat, sind wir vielleicht fähig, aus der Perspektive unseres Alters, das im Zwielicht jener Grenzscheide uns das Wesentliche wohl deutlicher wahrnehmen lässt, das Antlitz des kriegsgewandelten Menschen zu beschreiben, und nicht abzulassen, bis uns eine wahrheitsgetreue Zeichnung gelungen ist.

Weil wir wissen, weil es dumpf alle fühlen, ist es notwendig, und jetzt, jetzt, jetzt muss es geschehen. Und ich glaube, der Film ist wie kein anderes menschliches Ausdrucksmittel dazu berufen.

Nicht nur, dass der Film Seelenerregungen so mikroskopischer Feinheit sichtbar und übertragbar machen kann, wie sie bis dahin nicht sichtbar zu machen und durch Darstellung nicht zu übertragen waren - der Film hat einer Klasse seiner Adepten, den Schauspielern, eine Fähigkeit geschenkt, die der Mensch vordem nicht besaß - die Fähigkeit, sich ein Bild von sich selber zu machen. Es gab ein Grundgesetz der Psychologie: des Menschen Vorstellung ist seine größte Kraft, aber ihn sich selber vorstellen zu lassen, ist ihr nicht möglich (Sie sehen, sogar die Sprache macht es einem schwer, diesen Gedanken präzise auszudrücken). Schließen Sie die Augen und versuchen Sie, ein Bild von sich zu sehen - es geht nicht. Schließen Sie die Ohren und versuchen Sie, Ihre Stimme zu hören - es geht nicht. Wenn aber ein Schauspieler, sagen wir drei Jahre im Film gearbeitet hat und abends in der Vorführung ansah, was er am Tag zuvor gespielt hat, dann kann er sich ein Bild seiner selbst machen. - Dann hat er ein genaueres Bild gewonnen, als der Spiegel es vermitteln kann - ein Bild, tönend und sich bewegend, ein Bild, das wohl nur den Eitelsten nicht abgründig erschreckend ist. Darüber hinaus kann der Schauspieler noch die zweite, objektivere Probe auf das Exempel (das Beispiel seines Spieles) machen. Er kann im Dunkeln eines Kinos sitzen und die Wirkung seines Films auf die Zuschauer beobachten, er kann prüfen: überträgt sich, das, was ich mir damals vorstellte, oder warum überträgt es sich nicht? Wie würdest du es nun machen? Richtig wahrgenommen ist das die härteste Schule und Ausbildung, die ein künstlerischer Beruf haben kann. Richtig wahrgenommen müsste sie den so geschulten Menschen diese erbarmungslose Kontrollmöglichkeit über die Wirkung seines Wesens, seiner Phantasie und seines Ausdrucks jenes neue Bildes Menschen zu schauen und zu zeichnen.

Ich habe gesagt, das neue gewandelte Bild des Menschen steht noch aus. Ich habe meinen Glauben bezeugen können, das der Film, und zwar der deutsche Film berufen ist, es zu schaffen Ich möchte noch einmal sagen, jetzt, jetzt, jetzt ist es Not, sich darum zu bemühen, denn dies neue Bild, dies Zeugnis unserer gewandelten Welt ist unsere wesentlichste Aufgabe. Ist uns deren Bewältigung gelungen, dann werden uns die anderen Dinge von selber zufallen, wie Auslandsgeltung und Auslandsexport. (Und nicht dadurch, das wir vielleicht versuchen, eine noch größere Katastrophe als das Erdbeben von St. Franzisko mit noch einer Million größeren Kosten aufzunehmen, können wir dem deutschen Film jene Geltung in der Welt schaffen, die die großen Werke der Pionierzeit hatten, sondern nur durch, das neue Bild des Menschen.)

Wenn Sie mich fragen, wie das zu schaffen ist, kann ich nur sagen, indem man herangeht und versucht es zu schaffen. Wenn Sie mich fragen, was mir da denn vorschwebe, kann ich nur sagen, das will ich nicht mit Worten sagen, sondern versuchen, immer wieder versuchen, es mit Filmen zu sagen.

Aber ich will Ihnen gerne von den Erfahrungen sprechen, die ich bei meinen bisherigen Bemühungen gesammelt habe und die meiner Meinung nach ein paar Wege aufzeigen, auf denen man sich dem Ziele zu in Marsch setzen kann - und ich will gerne von den Vorbedingungen sprechen, die meiner Meinung nach erfüllt sein müssen, ehe man weiter kommen kann.

1. Die Dichter

Man wird eine Brücke bauen müssen zwischen der grünen Insel der Dichter und der Insel, auf der der Wolkenkratzer der Filmindustrie sich erhebt. Die Filmleute werden lernen müssen: die echte Vision eines Dichters ist ein organisches Wesen, nicht korrigierbar nach Erfahrungen, Erfolgsgesetzen, nach Regeln, die vom Bisherigen abgeleitet worden sind - die Dichter werden lernen müssen: was ist in dem großartigen subtilen, aber auch begrenzten Material des Films ausdrückbar (wie ein Bildhauer lernen muss, was in Holz oder was in Bronze richtig zu formen ist).

2. Besetzung

Hat man das Fundament, ohne das nichts, aber auch nichts wesentlich Gutes zu hoffen ist, die gescheute Geschichte des Dichters, dann soll man den Gestalten Fleisch und Blut geben, aber nicht mit dem zufälligen Leib eines "Typs", sondern mit der freiwilligen Wandlungskraft des - ich wage das hier so auszudrücken dem Dichter verwandtesten Menschen, des Schauspielers. Unser privates So- oder So Sein ist unser irdisches; unser Besseres ist unsere Phantasie, unsere Liebe und ,die Fähigkeit, uns manchmal in das, was wir lieben, verwandeln zu können.

3. Die Kompanie

Wir alle, die wir Filme gemacht haben, kennen jenes Gefühl, das am Ende der Dreharbeit an einem Film jeden der daran Beteiligten überkommt: "Nun möchten wir noch einmal von vorn anfangen, dann würde es richtig." Ich selbst habe ein einziges Mal das Glück gehabt, mit den selben Menschen mit kurzer Pause dazwischen zwei Filme nacheinander machen zu können. So weiß ich, wie viel Kräfte frei werden und Oberhaupt erst entstehen, wenn die ganze Truppe sich schon kennt, wenn, der Nebenmann vom Nebenmann weiß, der ist in der Arbeit so und so, und darin kann ich auf ihn bauen. Ich möchte fast mit Bestimmtheit sagen, der wesentliche Film wird nur aus einer Arbeitsgemeinschaft entstehen, die schon andere Kämpfe zusammen durchgefochten hat und so zusammengewachsen ist. Ich weiß nicht, woher es kommt, das wir immer wieder von vorn anfangen müssen, obwohl doch von tausend Filmen die Erfahrung vorliegt, wie anders, wie viel kraftvoller und eingespielter die Arbeit der letzten Drehtage eines Films ist als die Arbeit der ersten, Wenn der Regisseur und der Kameramann ihre Sehweise erst einander angleichen müssen, wenn Regisseur, Kameramann und Tonmeister die Stärken und Schwächen der Schauspieler erst prüfend entdecken, wenn der Schauspieler sein unbedingtes Zutrauen zu den Mitarbeitern erst zu gewinn en sucht. Das ist in den letzten Tagen anders, und darum möchte ich hier den Wunsch aussprechen: Hat sich einmal eine gute Kompanie zusammen eingearbeitet, dann reißt sie nicht aus Prinzip auseinander, so das, jeder Teil in einem neuen Kreis wieder das neue Spiel von vorn anfangen muss, sondern lasst uns einmal, zweimal und dreimal weiterbauen.

Ich sagte vorhin Kompanie, und es ist kein Zufall, das als treffsicherster ein Ausdruck aus dem Heer auf die Zunge kommt: leben wir doch Jetzt in einem Zeitalter, in dem die Lehren des großen Krieges für das große allgemeine Leben als gültig erkannt und nur dem Erfolg ungeheuren Wachstums angewandt werden. Eine solche Lehre ist die, das Aufgaben, die fast über Menschenmöglichkeit gehen, gelöst werden können von einer gegliederten Gemeinschaft gleichgewillter Menschen, die in Disziplin und Kameradschaft in gleichem Schritt und Tritt marschieren. Die, zweite Lehre, die heute in unserem Staate das lebendigste, organischste Leben erzeugt, ist die, das jede solche Gemeinschaft oder Kompanie nicht von einem Rat geführt werden kann, nicht von einer Kommission, die abstimmt oder in der der hartnäckigste Diskutierer Recht behält, sondern nur geführt werden kann, von einem Hauptmann, der für alles, was er Gutes oder Schlechtes mit seiner Truppe erreicht, allein verantwortlich ist und dafür auch seinen Kopf hinzuhalten bereit ist. Das ist der zweite Wunsch, den ich für unser Handwerk habe.

Mein dritter Wunsch ist der: Die welche die Öffentlichkeit über die Pläne der Filmwirtschaft aufklären können, sie mögen nicht alles Heil vom Nachwuchs erwarten. Sie erscheinen einem sonst wie Leute, die ihr Einkommen durch Spielen in der Lotterie zu erwerben versuchen. Der Nachwuchs ist wunderbar, und zu allen Zeiten ist es einmal vorgekommen, das ein Genie vom Himmel fiel und a priori alles konnte, was die Zeitgenossen erst mühsam lernen müssen. Uns aber hat Erfahrung die Regel gelehrt: das, der Film ein Handwerk ist, das gelernte Arbeiter braucht, und um dies Handwerk zu lernen, gibt es keine Schule, man kann es nur lernen, indem man es ausübt. Aber diese Möglichkeit war dem Nachwuchs nur in einem von hundert Fällen gegeben.

Wenn ich auf einen Ball, auf ein Fest oder eine Premiere gehe, dann sehe ich ihn da mit enttäuschten, hungrigen Augen herumstehen, den Nachwuchs, der vor zwei Jahren gestartet wurde. Vor dem ersten Film ging der Name und das Bild durch alle Zeitungen, dann kam klangloser ein zweiter Film und dann nichts mehr. Und warum? Haben sie enttäuscht, diese, jungen Menschen? Nein, sie haben alles geleistet, Was von einem Lehrling, von einer Anfängerin gefordert weiden konnte, nicht mehr und nicht weniger. Aber dann waren sie nicht mehr neu - das war ihre Schuld. Sie waren keine Entdeckung mehr, mit der man Ehre einlegen konnte und kein "Nachwuchs" mehr.

Darum ist dies mein dritter Wunsch: Man reiße keine jungen Menschen aus ihrem dunklen Wachstumsstadium ins grelle Filmlicht, wenn man nicht den Willen und die Möglichkeit und auch nicht die Macht hat, sie zu üben, sie zu entwickeln und sich bewähren zu lassen.

Ein vierter Wunsch an die Gewaltigen ist der: Man möge nicht wie das Kaninchen auf die Schlange blicken, auf Amerikas Filme sehen, sondern mit dem prüfenden und stolzen Auge einer gut 2500 Jahre älteren Kultur, mit der wir belastet und um die wir reifer sind.

Wir leben, seit einiger Zeit in einem Zustand, der nur den paradiesischen, Zuständen vergleichbar ist, in denen sich - wie sehr kluge Leute wissen wollen - der stumme Film der ersten Pionierzeit so ungeheuer entwickeln konnte: die Kunstkritik ist abgeschafft worden und die Kunstbetrachtung wurde an ihre Stelle gesetzt. Zweifelsohne ein Zustand, ungewöhnlich für die Kritiker, denen wirklich der deutsche Film am Herzen lag - es gab nicht viele, aber es gab welche, die uns unsere Fehler wiesen und uns lehren konnten, sie das nächste Mal zu vermeiden ein Zustand noch weit ungewöhnlicher für uns, die wir Filme machen. In meinen Augen vermehrt er unsere Verantwortung ungeheuer.

Kritik muss sein: und wir wissen alle, der schärfste Kritiker sitzt in unserer eigenen Brust. ich empfinde das Verbot der Zeitungskritik als große Verpflichtung, jenen inneren Kritiker nun voll und schroff zu Worte kommen zu lassen. Und nicht bloß darüber urteilen zu lassen, ob wir gut oder weniger gut gespielt haben - es gibt, glaube ich, keinen Schauspieler auf der Welt, der seine Rolle nicht so gut spielt, wie er kann. Nein, die Verpflichtung, die dieser neue Zustand bringt, sie geht viel weiter. Wir sind vor jedem Angriff zerstörender Kritik geschätzt, das bringt die Verpflichtung, auch wirklich Kunst zu machen, die betrachtet werden kann.

Wir wissen" das die Darstellungskunst kein Ding an sich ist, sondern aufs tiefste mit dem verbunden ist, was dargestellt werden soll. Ist, das was dargestellt werden soll, ein Machwerk ohne Wahrheit, so macht es auch die höchste Schauspielkunst nicht wahrer, und der Darsteller, dessen Name die Zuschauer ins Lichtspielhaus zieht, hat heute mehr als früher die Verpflichtung, solche Machwerke einfach nicht zu spielen.

Dieser neue Zustand wird einen neuen Ehrbegriff des Schauspielerstandes erzeugen. Man wird es als eine Schande ansehen, wenn über einen Film gesagt wird, die Geschichte ist ja saudumm, aber der Soundso oder die Soundso hat sie fabelhaft gespielt.

Ich weiß schon, jetzt kommen die Einwände mit dem Drehbuch. "Das würde immer erst nach dem letzten Moment fertig und sähe dann meist sehr anders aus, als einem erst erzählt wurde." Die Reichsfilmkammer hat vor langer Zeit vorgeschrieben, das das fertige Drehbuch - zehn Tage vor Drehbeginn in der Hand der Mitwirkenden sein müsse. Befolgt wird diese Anordnung in Wirklichkeit selten; und das ist eine weitere Schande für unseren Stand, denn es liegt in der Hand der Berühmten, einen Film nicht eher anzunehmen, bevor man nicht sein ausgeführtes Drehbuch hat prüfen können.

Das sind die Klagen, die immer ertönen, wenn die Rede auf den Film kommt und wie er besser zu machen wäre: Das Buch - die Vorbereitung - die Möglichkeit des Wiederholens. Fragt man nun die Gewaltigen der Filmwirtschaft: Warum gebt Ihr uns nicht acht Tage Proben, um den rohen Vorgang sauber aufzubauen, die Situationen und Worte im Zusammenhang probieren, überschlafen und sich so einverleiben zu können? - Warum gibt es nur bei einem technischen Versagen, wenn das Negativ verkratzt ist, die Möglichkeit, Szenen, die in der Vorführung als viel besser zu machen erkannt wurden, nun noch einmal zu wiederholen, - dann bekommt man immer wieder die Antwort, das kostet zu viel Geld. Ich bin der Meinung, hier könnte unser Stand, namentlich Berühmte in der Stunde ihrer Macht, vieles zum Besseren wenden.

Die Gagen der Berühmten haben in den letzten Jahren bedeutende Gipfelhöhen erreicht, ohne Zweifel ein in vieler Hinsicht erfreuliches Zeichen. Ich könnte mir freilich vorstellen, das ein Mensch des Films die Stunde seiner Macht nicht dazu benutzt, den Rekord im Erreichen von Gipfelgagen zu überbieten, sondern dazu, seiner Arbeit bessere Vorbedingungen zu schaffen: z. B. zu verlangen, das man den ganzen Film vor Drehbeginn acht Tage lang in den skizzenhaften Grundzügen der Bauten mit Kameramann und Tonmeister probiert; z. B. das er sich das Recht ausbedingt, Szenen, die die Vorführung am nächsten Tag nicht so vollkommen zeigt, wie sie werden könnten, wiederholen zu dürfen. Ich könnte mir vorstellen, das solcher Gebrauch der Macht dem deutschen Filmwesen besser dienen und nützen könnte als jeder andere Gebrauch. Ich möchte sogar sagen, das solche Haltung die Forderung der Zeit an unseren Stand ist.

Es ist keine asketische Haltung, die er von der Zeit gefordert zu werden scheint, sondern einfach eine soldatische Haltung. Ich habe vorhin gesagt, das ich nur von meiner Generation aus reden könne, von jener Grenzscheide aus zwischen Frontgeneration und Jugend, von wo man wohl in besonders scharfer Kontur die Wandlung sehen kann, welche seit Beginn des großen Krieges das Angesicht des Menschen und der Welt verändert hat. Von dieser Grenzscheide aus habe ich gesagt, der Film hat nur unvollkommene Versuche gemacht, ein Bild des gewandelten Menschen zu geben, und er ist bald und bewusst wieder davon abgerückt, um uns eine Fülle von Vorkriegsgeschichten in Vorkriegskleidern zu erzählen.

Ich gestehe es offen: wir Leute der Zwischengeneration machen uns wenig aus diesen rückwärts in "die gute, alte Zeit" projizierten Wunschbildern. Ich kann mir noch weniger vorstellen, das die Jugend, welche nach uns kommt, mit diesen Geschichten mehr anfangen kann, als ein BDM-Mädchen ein Korsett mit Fischbeinstangen zu würdigen weiß, das unsere Mütter noch für unerlässlich und erstrebenswert hielten. Wir wissen auch die in diesen Filmen oft angewandte hohe Kunst wenig zu würdigen, solange die wesentliche Aufgabe, das Bild des neuen Menschen zu zeigen, ungelöst bleibt.

Ich glaube das kommt daher: In den Jahren, als wir heranwuchsen, haben sich Eindrücke und Vorbilder in unser Herz gesenkt - nicht von der Kunst her -, es war nicht der große Kean(1), wahnsinnig geworden vor Genie - sondern vom Kriege her. Es waren Namen wie Boelcke(2), Richthofen (3) und Hermann Berthold und die namenlosen Regimenter von Langemarck(4). Die Haltung dieser toten Soldaten begleitet uns als Vorbild von Jugend an immer noch, immer noch, auch durch das- Tagewerk unserer unheldischen Arbeit.

Unser Beruf ist es, flüchtige Schatten über die weiße Leinwand wandeln zu lassen und vielleicht der Erinnerung einen vergänglichen Eindruck zu verschaffen. Aber auch in dieser fragwürdigen Betätigung fühlen wir den Wunsch, jenen soldatischen Vorbildern unserer frühen Jahre nachzufolgen und etwa zu werden wie Soldaten der Kunst, dienend der höchsten Idee, auf die uns der Satz des Führers vereidigt hat, welcher lautet: "Die Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission. Wer von der Vorsehung ausersehen ist, die Seele eines Volkes der Mitwelt zu enthüllen, der leidet unter der Gewalt des allmächtigen, ihn beherrschenden Zwanges, der wird seine Sprache reden, auch wenn die Mitwelt ihn nicht versteht oder verstehen will, wird lieber jede Not auf sich nehmen, als auch nur einmal dem Stern untreu zu werden, der ihn innerlich leitet."

(1)

Charles Kean, 1811-68, englischer Schauspieler, berühmt durch seine Shakespeare - Inszenierungen in Londoner Prince´s Theatre.

(2)

Hauptmann Oswald Boelke, 1891-1916, deutscher Kampfflieger und Begründer der Jagdfliegerei, vierzig Luftsiege, Pour le mèrite.

(3)

Manfred Freiherr von Richthofen, 1892-1918, der Rote Kampfflieger des Ersten Weltkriegs und Führer des Kampfgeschwaders seines Namens, das später Hermann Göring übernahm.

(4)

Langemark, Gemeinde in Westflandern, Belgien; im Ersten Weltkrieg von den deutschen Truppen im November 1914 erstürmt; am 31.7.1917 von den Engländern zurückerobert; Werner Beumelburg schrieb über die Schlacht "Ypern 1914", erschienen 1924

Mathias Wieman: "Der Mensch im Film" in: Wunderwelt Film, Herausgeber Heinz w. Siska, Leipzig - ohne Jahresangabe - möglich 1939/40- Seiten 65-73

 

zurück zur Literatur Wieman

 
Copyright © 2000 [SVENSSON].
Alle Rechte vorbehalten, soweit nicht anderweitig vergeben.
Stand: 28. April 2000