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Faust im Kriege

- 1940 -

es schreibt Mathias Wieman

 

"FAUST" IM KRIEGE

von

MATHIAS WIEMAN

Eines der schönsten Worte über Musik, ja über die Kunst überhaupt, hat Bismarck von Beethovens Appassionata" gesprochen: "Wenn ich das öfter hörte, würde ich immer sehr tapfer sein." Ein ähnliches Gefühl für das, was die Tapferkeit nähren könnte, hat wohl auch jetzt, in den letzten Monaten des Krieges, in Deutschland die Menschen in Massen zu den klassischen Konzerten und Theateraufführungen getrieben.

In Hamburg hatten wir drei Monate hindurch den "Faust" gegeben, das ganze Stück in beiden Teilen. Und nicht, dass der Ansturm der Zuschauer so groß war, wie ihn der Direktor in Goethes "Vorspiel auf dem Theater" erträumt - nicht allein das war für uns das Wunder, sondern viel mehr die tiefe und ernste Aufnahme, die das Schauspiel fand. Der ungeheure Verwandlungsprozess, in dem wir leben, hatte - weit entfernt, die Menschen der Kunst zu entfremden - vielmehr echte, ganz ungekannte Resonanzen in die Tiefe eröffnet.

Ich glaube, dass auch unsere Faustaufführung von den gleichen Antrieben bestimmt war. Jede Zeit und jede Generation sieht wohl die großen Gestalten der Faustdichtung neu und anders. Und wenn meine Darstellung des Faust teilweise Befremden hervorgerufen hat, so kamen diese Stimmen der Einwendung meist von Menschen, in deren Vorstellung das bislang gültige Bild des Faust als des kenntnisreichen überlegenen Denkers verwurzelt war. Man sagte, ich sei als Faust nicht genügend abgeklärt und gereift gewesen. Aber für mich ist der Faust in keinem seiner Züge eine abgeschlossene, zur Reife gelangte Persönlichkeit. Im Gegenteil, ich empfinde sein Schicksal als einen alle Form sprengenden, noch über das Grab hinausreichenden Entwicklungsprozess. Wann ist Faust je resigniert? Nein, er ist verzweifelt und empört. Welcher resignierte Mensch wird sich mit dem Teufel verbünden? Nicht aus dämonischer Wissbegierde, nicht aus Sehnsucht nach den plötzlich verführerisch in seiner Studierstube auftauchenden Lockungen der Welt geht der große Sucher dies Bündnis mit dem Bösen ein; der ewig ungestillte Wunsch, die Welt im Innersten zu verstehen, lässt ihn das Angebot des Mephisto annehmen und treibt ihn ständig weiter und weiter, so rastlos, dass es dem Teufel fast zuviel wird! Nur einmal ruht dieser zur Erfüllung Strebende in sich selbst: als er in Hellas der Harmonie begegnet und das ausgewogene Maß der Welt in einer großen Vision erlebt; aber auch diese Ruhe ist nicht von Dauer. .

So durften wir schon glauben, dass die Gestalt dieses Menschen Faust gerade in unserer Zeit der ungeheuersten Bewegung ihren Platz und Sinn finden würde. Es gehört zu den schönsten und glücklichsten Augenblicken, die ich je auf der Bühne erlebt habe, immer deutlicher zu spüren, dass unser "Faust" die Menschen ergriff, ohne sie von dem großen Strom der Geschehnisse wegzufahren. 

Zwei Vorstellungen heben sich besonders deutlich heraus. Die erste war eine Aufführung von "Faust" erster Teil an dem Tage, als die deutschen Truppen in Norwegen landeten, und die zweite eine Aufführung von "Faust" zweiter Teil, als am Morgen deutsche Soldaten in Holland und Belgien eingerückt waren, und jeder wusste, dass es nun um die Entscheidung geht. An diesen beiden Tagen ging ich mit großer Besorgnis zum Schauspielhaus. Denn genau so, wie wir Schauspieler nicht nur mit dem Bewusstsein, sondern mit der ganzen Wunschkraft des Gemütes bei den großen Ereignissen draußen waren, genau so musste es doch auch den Menschen im Parkett und auf den Rängen ergehen. Durften wir sie zu Recht ergreifen wollen? Es erschien mir sinnlos, jetzt, wo die Entscheidung über unseren Erdteil ausgefochten wurde, Theater zu spielen, einen falschen Bart anzukleben und Sätze auszusagen, die sich reimen. Und dann geschah doch das Wunderbare, dass gerade an diesen Abenden die Faustdichtung die Zuschauer vielleicht noch stärker in ihren Bann zog als vorher. Das war keine Flucht aus der Wirklichkeit, kein Versinken in einer Oase des Friedens, in wohlabgegrenzte Bezirke des Geistes. Es war vielmehr die Bestätigung dafür, dass der "Faust" das kühne und getreue Bild unseres Wesens ist und bleibt. Und es wurde mir auch an diesen Abenden klar, wie andere Völker dieses Bild des immer strebend sich bemühenden und um Erfüllung kämpfenden faustisch-deutschen Menschen nie ganz werden begreifen können. 

Der heiße Atem der Zeit weht auch durch unser Theater. Gleich einem Feuer sprang jenes ewige deutsche Lebensgefühl, das in "Faust" Gestalt gewann, auf die Menschen im Zuschauerraum über. Ich glaube, man kann es nicht besser umschreiben als mit Goethes Wort: "Die Gottheit ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten."

 

entnommen aus: Berliner Theater Almanach 1942 -Axel Kaun Hrsg. - Berlin:  Neff, 1942

 

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Stand: 27. August 2001