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Mephisto bekennt

- 1957 - ?????

es schreibt Ernst Ginsberg

 

MEPHISTO BEKENNT

 

 

Es war im Sommer des Jahres 1922. Da durfte ich, 18jährig, bei den Schleswig-Holsteinischen Volksspielen, später bekannt als «Maskenwagen der Holtorf-Truppe» - einem blutjungen Wanderunternehmen, dessen Leiter, der Maler Hans Holtorf, damals ganze 22 Jahre alt war -, in Heide in Holstein meinen ersten Mephisto spielen. Der Darsteller des Faust hieß Mathias Wieman. Wie heute, nach 3 5 Jahren ... Es handelte sich freilich nicht um Goethes «Faust», sondern um das [auch hier in Zürich einmal aufgeführte] sogenannte «Puppenspiel vom Dr. Faust». jetzt spiele ich den Goetheschen Mephisto zum viertenmal in meinem Leben. Und soviel sich für mich auch an den schauspielerischen Details der Rolle von ihrer ersten bis zur heutigen Fassung geändert haben mag, so wesentlich bleibt meine persönliche Mephisto-Vorstellung an jenes erste entscheidende Jugenderlebnis gebunden, das ein metaphysisches war, wie es dem Text des Puppenspiel - Mephisto entsprach. Immer wieder habe ich seither bedauert, dass Goethe dieses elementare Motiv des Puppenspiels nicht oder nur andeutend in seine Dichtung mit aufgenommen hat. Ich denke an jene grandiose Szene, in der der Faust des Puppenspiels kraft des Paktes den Teufel beschwört, ihm zu bekennen, was er tun würde, wenn er, Mephisto, noch einmal Hoffnung auf ewige Seligkeit erlangen könnte. Mephisto gesteht da, nach furchtbarem Sträuben: « Fauste, Du willst es haben. So höre mich auch an - wenn ich Hoffnung auf Seligkeit erlangen könnte, so wollte ich ganze Jahre hindurch die aller grausamsten Martern erdulden. Und sollte auch die ganze weite Welt mit lauter glühenden Eisenplatten beschlagen sein, so wollte ich sie doch nicht geschwinder als eine Schnecke durchwandern. Und wenn eine Leiter vom tiefsten Abgrund der Hölle bis zum obersten Himmelsgipfel führte, und jeder Sprossen wäre mit tausend und aber mal tausend scharfen Schermessern besetzt, und ich könnte alle menschlichen Empfindungen sparen, und sollt' ich auch so klein zerschnitten werden wie Sand am Meer - so wollt' ich doch mit Freuden die Leiter besteigen und danach trachten, den obersten Gipfel zu erreichen, um nur ein einziges Mal Gott anzuschauen. - Dann wollte ich gerne in alle Ewigkeit wieder ein Geist der Verdammten sein. »

Es war, wie man sich denken kann, für den Schauspieler ein weiter Weg von diesem «naiven» Puppenspiel-Mephisto bis zu dem Goetheschen. Aber er hat diese alten Sätze, die bei Goethe fast kein Echo finden, im geheimen, geistigen Rüstzeug seiner Teufelsrolle immer mit sich getragen und wird nie von dem Versuch ablassen, den Abgrund der Verlorenheit und des Nichts, dem jene Puppenspiel-Sätze entstammen, auch hinter der Gestalt des so viel aufgeklärteren, rationalistischeren Mephisto Goethes immer wieder ahnen zu lassen. Und wäre es nur im Anblick des verlorenen Paradieses, im Anblick Gretchens: «Du gut's, unschuldig's Kind ... »

 

entnommen aus: Ernst Ginsberg: Abschied - Erinnerungen, Theateraufsätze, Gedichte -Elisabeth Brock-Sulzer Hrsg. - Zürich:  Arche, 1965

 

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Stand: 27. August 2001