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DER TAGESSPIEGEL       28. März 1999

"Das Leben ist eine Rutschbahn"

Ein letzter Triumph des preußischen Staatstheaters vor siebzig Jahren

VON HANS DAIBER

Es war wie ein letztes Fest des Theaters der Weimarer Republik, und es sollte doch nur ein Benefiz für einen toten Kollegen werden. Albert Steinrück hatte so aus dem Vollen gelebt, das das Geld für sein Begräbnis fehlte. Die Bühnengenossenschaft regte die Feier an. Ein achtköpfiger Arbeitsausschuss wurde gebildet, dazu ein Ehrenausschuss aus 34 Wissenschaftlern und Publizisten, Politikern, Bankiers und Industriellen. Unter ihnen vermutlich etliche Sponsoren.

Spielplatz war das Staatliche Schauspielhaus, dem Steinrück angehört hatte. Gespielt wurde, als zusätzliche Nachtvorstellung, die Hochstaplerkomödie "Der Marquis von Keith". Es war eine Wiederaufnahme der bahnbrechenden Inszenierung von Leopold Jessner aus dem Jahre 1920. Jessner hatte damals eine dauerhafte Formel für die Darstellung der plakativen Wedekind-Welt gefunden: Effekt durch Tempo plus Rhythmus.

Steinrück, ein "Kerl wie ein Baum, breiten Schatten werfend, wuchtig und schwer in der dramatischen Landschaft" (Polgar), hatte bei Reinhardt den Marquis gespielt. Wedekind machte ihm ein Kompliment: "Nur Sie können meine Stücke so spielen, wie ich sie auffasse, nämlich sachlich."

Sachlich ist Jessners Interpretation überhaupt nicht gewesen. Sein Keith war Fritz Kortner, bei der Gala für Steinrück dann aber Heinrich George - total gegen den Typ besetzt. Nur wenige konnten nach neun Jahren im alten Dekor von Emil Pirchan wieder in ihre alten Rollen schlüpfen. Lothar Müthel gab immer noch den ratlosen Jugendfreund des windigen Marquis, Jakob Tiedtke immer noch den Kunstmaler in der Entourage des Schwindlers, Tilla Durieux immer noch die Gräfin Werdenfels. Kortner war nur noch der Metzgerknecht.

Die Aufführung war sensationell, aber nicht gut. Der Stil von einst war hin. Den Effekt machte die Starbesetzung, sogar in der Statisterie. Ein stummes Dienstmädchen wurde eingefügt, um Fritzi Massary unterbringen zu können. Sie deckte den Tisch, wobei sie jedes Requisit einzeln holte. Applaus. Die Bergner, als Hausdiener Sascha, sah das und sagte: "Das Trampel fliegt." Das Publikum jubelte. Die Bergner, Jahrzehnte später sich erinnernd: "Ich dachte, das Haus kommt herunter."

Was ist aus diesem Aufgebot geworden? Seine Zerstörung kann als Beispiel für die Auflösung des Theaters der Republik dienen. Es waren 86 Personen auf der Bühne, eingerechnet die 50 Komparsen als Gäste des Marquis, unter ihnen Marlene Dietrich, Asta Nielsen, Henny Porten, Hermann Thimig.

Vier Darsteller wurden umgebracht: von den Nazis Rosa Valetti, Kurt Gerron und Otto Wallburg, von den Sowjets Carola Neher. Es sind 28 emigriert, von denen zwei ins Dritte Reich heimkehrten: Rudolf Forster und Alfred Braun. Die Bühnenmusik zur Gala machten Weintraubs Synkopators, eine damals beliebte Tanzkapelle. Sie ließen im September 1933 ihren Vertrag mit dem Wintergarten platzen und kehrten von einem Gastspiel in Rotterdam nicht zurück. Jessner ist im Dezember 1945 glücklos in Los Angeles gestorben. Zwölf Schauspieler kamen nach den Krieg zurück.

Als "nicht betroffen" (ein Terminus der Spruchkammern) sehe ich 49 an. Doch da beginnen die Unsicherheiten, denn mit wieviel Betroffenheit die "nicht Betroffenen" weitergespielt haben, könnte nur noch eine postume Psychoanalyse klären. War es private oder war es politische Verzweiflung, die Paul Otto 1943 in den Selbstmord trieb, und Maria Bard, die erste Frau von Werner Krauss, 1944? Hat Till Klokow, deren Freundschaft mit dem jüdischen Anwalt und Dramatiker Hans J. Rehfisch als Makel galt, einen Karriereknick erlebt oder wäre sie sowieso nicht namhaft geworden? Wie reiht man Mady Christians ein, die 1931 in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, wo sie aufgewachsen war? Als Indiz könnte gelten, das Goebbels sie zurückgewinnen wollte. Dagny Servaes ging 1945 nach Österreich, in ihre Heimat.

Wo verläuft die Grenze zwischen Nutznießer und Nazi? Rigoros betrachtet, waren alle Weitermacher Nutznießer des jedenfalls quantitativ großen Aufschwungs, den das Theater in Deutschland nach 1933 erlebte. Doch das ist eine lebensferne Einschätzung. Ohne Zweifel ist der Reichskultursenator und Chef des Burgtheaters Lothar Müthel ein Nutznießer gewesen. Auch Generalintendant Heinrich George, der übrigens einige "jüdisch versippte" Künstler beschäftigte, zum Beispiel den Regisseur Ernst Stahl-Nachbaur - mit Billigung der Reichstheaterkammer. Politische Ehrenämter sicherten Mathias Wieman und Theodor Loos. Glück, definiert für Künstler im Dritten Reich, war das Zusammentreffen von politischer Naivität mit Charakterschwäche.

Belastet haben sich jedenfalls Werner Krauss und Veit Harlan. Ein rechtschaffener Nazi wurde Otto Laubinger, als Präsident der Reichstheaterkammer. Ida Wüst disqualifizierte sich als Verrräterin einer Spendenaktion von Kollegen für den in Prag mittellos gestrandeten ehemaligen Berliner Theaterdirektor Carl Meinhardt.

Es geht hier nicht darum, wieder einmal verspätet Moral einzufordern, sondern darzutun, wie unterschiedlich Schicksale waren, sogar bei gleichem Ausgangspunkt. Wohlgemerkt, es werden hier nur diejenigen ins Kalkül gezogen, die bei der Steinrück-Gala am 28. März 1929 dabei gewesen sind. Eine gespenstische Korona. Kein repräsentativer Durchschnitt, aber allemal so viel wert wie eine Quote.

Wägt man den dekorativen Ehrenausschuss, so findet man noch divergentere Schicksale: Albert Einstein, Kultusminister Becker, Reichstagspräsident Paul Löbe, Max Liebermann und Konzernchef Ludwig Katzenellenbogen, der (oder den) Tilla Durieux 1930 heiratete. Unter den Ehrengästen auch der Bankier Franz von Mendelssohn, dessen Nichte Eleonora von Mendelssohn (in der Gala Molly Griesinger) rechtzeitig vor der Annektion Österreichs das Schloss ihrer Familie im Salzkammergut verließ. Es war ihre zweite Emigration. Sie führte dann in Manhattan ein gastfreundliches Haus, konnte sich aber am Broadway nicht durchsetzen. Auch dies ein Karriereknick?

Vollends nicht mehr zu ergründen sind die Premierenbesucher - "tout Berlin". Für einen Platz im Parkett und im ersten Rang zahlte man 60 Mark, mitten in der Wirtschaftskrise. Der Programmzettel wurde in den sechziger Jahren für 200 Mark gehandelt. Sicher wäre er heute teurer. Auch das damalige Theaterpublikum wurde zersprengt. Auch das Publikum ist ein Ensemble! Nie wieder erreichte es die damalige Qualität. "Das Leben ist eine Rutschbahn", sagte der Marquis von Keith. 

© 1998 Verlag DER TAGESSPIEGEL

 

Aus: Der Tagesspiegel - Berlin - 28. März 1998

 

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Stand: 27. August 2001